Angedacht

Wo entwickeln Sie Ehrgeiz? Der Ehrgeiz ist in verschiedenen Bereichen unseres Lebens zu Hause. Ganz klassisch ist er im Beruf anzutreffen - als Bestreben sich weiter zu entwickeln, Karriere zu machen. Oder in der Schule - als Drang, immer zu den Besten zu gehören. Auch im Sport ist er zu finden - als Antrieb, einen Wettkampf möglichst gut zu bestreiten oder gar zu gewinnen. Vielleicht kann man ihm auch im Freundeskreis begegnen, unter Nachbarn oder in der Familie - als fester Wille, den anderen zu überflügeln in der eigenen Lebensleistung.

Ehrgeiz bringt uns im Leben weiter, kann der Motor für neue Perspektiven, mutige Entscheidungen und inspirierenden Wettbewerb sein. Aber er kann unser Leben auch zerfressen und zerstören, wenn er zu sehr ins Zentrum rückt, wenn wir uns in ihn verbeißen - und es nur noch um das eigene Vorwärtskommen um jeden Preis, zur Not auch auf Kosten anderer geht.

Doch was ist Ehrgeiz eigentlich? „Ehrgeiz" stammt aus dem Bedeutungsumfeld des Wortes „Geiz". Es ist aus dem Althochdeutschen von „gite", der „Gier" herzuleiten. Ehrgeiz ist nichts Anderes als die „Gier nach Ehre", also nach Macht, Ruhm, Erfolg und anderem mehr.

Wer ehrgeizig ist, möchte auf den ersten Blick betrachtet im Leben weiterkommen, seine Position verbessern. Doch oft steckt in dieser Gier auch eine tiefe Sehnsucht: Nach Anerkennung, Selbstsein, Liebe, Bewunderung. Daher ist es wichtig, zwischen echtem und falschem Ehrgeiz zu unterscheiden. Der echte Ehrgeiz verfolgt erreichbare Ziele. Erlangte Erfolge befriedigen und spornen zu neuen Zielen an. Das Scheitern zerstört aber nicht das Selbst, weil es nicht vom Ehrgeiz abhängig ist. Der falsche Ehrgeiz hingegen setzt die Erwartungen an sich selbst und die eigenen Ziele immer höher, so dass eine Spirale entsteht, in der es nur eine Richtung gibt: Nach oben. Werden die Erwartungen nicht erfüllt, die Ziele nicht erreicht, ist der Sturz tief. Zuviel Ehrgeiz kann sogar zu chronischen Erkrankungen führen, wie zwei Wissenschaftler der British-Columbia-Universität in Vancouver in einer psychologischen Studie kürzlich nachwiesen.

Doch die Grenze ist schmal: Zu sehr greifen hier die Maxime der Leistungsgesellschaft. Wer etwas leisten will, muss Ehrgeiz haben. Kommt der Erfolg dazu, bleiben Bewunderung und Anerkennung nicht aus. Sie basieren jedoch auf einer Vor-Leistung, die erst erbracht werden will. Wer sich von dieser Kausalkette abhängig macht, kann Schaden an Leib und Seele erleiden - wenn nämlich Bewunderung und Anerkennung mangels Erfolgs trotz des Ehrgeizes ausblieben.

Vielleicht ist die Passionszeit eine gute Gelegenheit, einige Wochen lang bewusst auf falschen Ehrgeiz zu verzichten. Einfach das, was uns geschenkt ist, als „gut genug" anzunehmen. Zu erfahren, dass wirkliches Lebensglück unverfügbar ist. Denn weit jenseits allen Strebens, Machens und Tuns hat Gott uns zugesagt, dass wir als Menschen einen Wert an sich haben: Eben so, wie wir sind. Mit unserem ganz persönlichen Aussehen und Charakter. „Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt", so preist der Sänger des 8. Psalms den Menschen als Gottes gute Schöpfung. Lassen wir uns das „gut genug" sein!

 

Herzlich grüßt Sie

Ihr Pfarrer

 

Dr. Rüdiger Jungbluth